Samstag, 28. Januar 2012

Alice, this is Bob

Da sitz ich also mal wieder... Dreckige Musik in den Ohren und Courier New als Schriftart im Texteditor, was zwar echt strange aussieht, mich aber wieder dran erinnert dass ich inzwischen wieder ein nützliches Individuum bin... Und natürlich bin ich total drauf und hasse mich selbst, aber das ist okay, weil alltäglich und mehr oder weniger tragbar. Die Synapsenklumpen in meinem Kopf feuern unmotiviert Scheiße durch mein Hirn und manchmal auch durch meinen Nacken in den Rest von meiner irgendwie gallertartig zerfließend wirkenden Hülle. Wie eine magnetische Flüssigkeit stellen sich dann die Haare auf meinen Armen auf, wollen Antennen sein für den Frost den ich mir nur einbilde.
Aber ich bin nützlich und ich bin intelligent oder wie auch immer man das nennt wenn man die Welt wegen ihrer Unzulänglichkeit nicht leiden kann und sich für was Besseres hält. Halt, Nein, das nennt sich Narzissmus. Genauer: Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Aber gerade gehts mir dreckig. Ich hasse mich selbst und ich liebe mich dafür dass ich dazu so ohne Weiteres in der Lage bin. Wie paradox. Courier New dreht sich um sich selbst und Ground Control ruft Major Tom in meinem Kopf. Wie paradox. Das Licht brennt in meinen Augen, oder vielleicht ist es auch Salz aus verdunstendem Tränenwasser. Reagiert Salzwasser in Schreibtischlampenlicht mit Luft zu brenndenden Augenschmerzen? Projiziere ich den Schraubenzieher im Unterarm auf meine Augen, aus welchem Grund aus immer? Das wäre paradox. Meine eigene paradoxe Unzulänglichkeit vor Augen taumele ich davon in meine Welt hinter den Spiegeln.

Mittwoch, 16. November 2011

Eldorado 2

Das goldene, am Innenspiegel baumelnde Dogtag blitzt in der von rechts ins Auto scheinenden Nachmittagssonne; wie ein sehr langsam eingestelltes Stroboskoplicht. Blitz... Blitz... Blitz. Ich nehme es ab, halte es mir vors Gesicht und drehe es in der einen Hand hin und her, während ich mit der anderen das riesige Fahrzeug auf der mittleren Spur der vollkommen leergefegten Autobahn halte. Kaum zu glauben eigentlich, dass ich eins der Symbole des besten Einzelgänger-Zombiejägers, von dem ich je gehört habe in der Hand halte, während ich in dem anderen eine leere Autobahn entlangfahre. "Eldorado" steht auf der Hälfte des Dogtags, die ich in der Hand halte. In feinen, verschlungenen Buchstaben. Ihr Zwilling, die andere Hälfte, liegt auf dem Steinhaufen, unter dem ich seine beinahe kopflose Leiche begraben habe. Er hat sich eben den falschen Schlafenden zum Ausrauben ausgesucht und mein Symbol - die riesige silberne 12,7x99mm-Patrone - leider zu spät, nämlich erst beim Durchsuchen meiner inneren Jackentasche entdeckt. Woraufhin er wohl lieber eine Ladung Schrot fraß, als darauf zu warten, hirn- und seelenlos durch die Welt zu ziehen.

Ich gehe vom Gas und hänge das Dogtag wieder an seinen Platz, um einer Gruppe Untoter hinter der Leitplanke beim Grasen zuzusehen. Ein dämliches Wort für ihr Verhalten, aber wie sie da so stehen, so weit wie möglich nach vorne gebeugt, den Rücken zur Sonne und die Arme hin und her pendelnd, passt es eben wie die Faust aufs Auge. Als ich vorbeifahre, schrecken einige von ihnen hoch und stieren in meine Richtung, bevor sie sich wieder nach vorne beugen und weiter Sonne tanken.

Ich fühle mich wie der König der Welt. Nicht wie in dieser behinderten und tausendmal parodierten Szene aus Titanic, sondern irgendwie cooler. Ich hab den Zombiejäger Nummer 1 besiegt, und das ganz buchstäblich im Schlaf und obwohl es nun wirklich nicht meine Absicht war. Außerdem stehe ich in dieser ganzen Scheiße zwar irgendwie zwischen den Fronten, aber auf eine ziemlich abgefahrene Art. Die Hirnlosen greifen mich nicht an, weil ich das Virus ja habe und die mit Hirn greifen mich nicht an, weil ich eben Hirn habe und, mit diesem Auto mehr denn je, aussehe wie einer von den Guten. Dass ich hochansteckend bin, muss ja keiner wissen. Jetzt ist die ganze Welt mein Eldorado, sie liegt mir zu Füßen, ich kann mir nehmen was ich will und leben wie Gott in Frankreich. Zwischen eigentlich ganz liebenswerten Zombies und etwas gestressten, aber trotzdem ganz netten Menschen.

Montag, 14. November 2011

Tiefenpeeling III

Häuser ziehen am Fenster vorbei. Das Grau des Himmels wird löchrig und einzelne blaue Flecken mit rissigen Rändern tun sich auf. Dann Spüre ich die Schräglage der Gleise und durch das Fenster hinaus beobachte ich, daß unser Zug sich unter die Oberfläche wühlt, wie ein riesengroßer Regenwurm. Schwarze Finsternis umgibt uns für wenige Sekunden bevor die Innenbeleuchtung der Bahn anspringt. In der Fensterscheibe sehe ich nun Sveta, wie sie sich umsieht, versucht unbemerkt Leute zu beobachten. Immer wieder sehe ich, wie sie sich dabei ertappt, jemanden zu lange und zu direkt anzusehen.
Ich beuge mich zu meinem Rucksack hinab und wühle darin. Eigentlich suche ich nichts bestimmtes, gebe nur vor etwas finden zu wollen. Dabei mustere ich dieses Mädchen. Ich stelle fest, daß sie noch etwas unbeholfen ist. Wahrscheinlich ist sie nicht von hier, lebt noch nicht lange in der Stadt. Während sie den Linienplan begutachtet, wirkt sie verloren, als wüßte sie nicht wo sie ist. Sie studiert ihn viel zu lange. Ich fische zwei Bierdosen aus dem alten zerschlissenen Rucksack und reiche ihr eines. Etwas perplex hält sie es fest, während ich das meine öffne — zisch-klack.
„Woher kommst du?“ frage ich aus dem blauen heraus.
„Was meinst du?“ kommt eine Gegenfrage.
„Naja ich merke einfach, daß du noch nicht lange in Frankfurt lebst.“
„Ich bin aus Rostock.“ sagt sie dann. „Bin wegen dem Studium hier. Germanistik.“ Ein zuckersüßes lächeln umspielt ihren Mund. Jetzt kann ich auch ihren leichten Akzent einordnen.
Der Hauptbahnhof zieht vorbei, wird langsamer. Der Zug hält. Wieder strömen Massen herein und heraus. Tausend Gesichter in zwei Minuten. Keines bleibt lange im Blickfeld. Graue Götterkacke auf dem Weg ins Irgendwo.
Alles beruhigt sich wieder etwas bei der Abfahrt, aber wie immer gibt es noch den einen oder anderen Reisenden, der mit seinem viel zu vollgepackten Koffern versucht einen Platz für sein zersessenes Arschfleisch zu finden.
Ich beginne mir eine Zigarette zu drehen, da fällt mir ein, daß ich wenigstens ein kleines bisschen Gentleman sein sollte und frage Sveta: „Möchstes du auch eine haben?“
„Danke, aber ich hab.“ Sie lächelt.
An der nächsten Station verlassen wir den Zug und begeben uns an die Oberfläche um zu Rauchen. Ein paar dieser flacheren Häuser scheinen vor dem Hintergrund der Bankentürme das Stadtbild hier zu dominieren. Am Himmel ist immer mehr Blau zu sehen. Und ab und an treffen uns sogar ein paar Sonnenstrahlen. In der Nähe öffnet ein Dönerhaus. Zwei Leute tragen diese Kreidetafeln auf die Straße.
Dann schaue ich Sveta an. Ihr ist kalt, das sehe ich und lege meinen Arm um sie. Sie schaut zu mir auf und lächelt wieder so dermaßen bezaubernd.
„Wollen wir einen Çay trinken?“
„Gerne.“ Ihre Augen leuchten.

Wir sitzen wieder an der Station, aufgewärmt von türkischem Tee. Ich beobachte einen Mann der in unserer Nähe steht. Offensichtlich betrunken versucht er etwas aus seinen Taschen zu holen und stülpt sie sich dabei nach außen. Sveta wird ebenfalls auf ihn aufmerksam und kichert leise.
„Was ist denn mit dem?“ fragt sie.
„Voll, würde ich mal vermuten.“
„Oh.“
„Ja. Ich denke er wird sich betrunken haben. Danach war er sicher im Bahnhofsviertel und wie er aussieht hat er bestimmt keinen hochbekommen. Schau nur, wie unbeholfen er seine Fahrkarte sucht. Aber er wird sie gleich in seiner Geldbörse finden.“ — was er in diesem Moment auch tut — „Siehst du? Ein typischer Fall von zu viel am falschen Tag ist das.“
Sveta lacht. „Du bist witzig, Ben.“
Ein paar Momente später vernehmen wir auch schon das Geräusch eines einfahrenden Zuges.